Literarisches

Ludger Fischer

Warum man mit Männern/Frauen nicht verreisen kann  

Warum man mit Frauen Männern nicht verreisen kann, Hamburg 2015
Männer sind schlimm. Besonders auf Reisen. Da spielen sie sich richtig auf. Sie kennen sich aus, sie geben sich die Kante, sie brauchen angeblich kaum Gepäck. Und das Schlimmste: Sie tragen Socken in Sandalen!
Frauen sind wunderbar. Auch auf Reisen. Na gut, seien wir ehrlich: Auch Frauen haben so ihre Macken. Sie finden, das sei liebenswert. Sie brauchen deutlich mehr Gepäck als Männer, sie brauchen für alles viel länger, sie kriegen früher Heimweh. Und das Schlimmste: Sie wollen immer nur das Eine. Shoppen. Verlagsankündigung

Göttliche Diät. Theologisches aus der Speisekammer, Annweiler 2014
Das Zuckrige steht ja bloß deshalb in einem schlechten Ruf, weil’s ohne Zweifel den Zähnen schadet. 
Wenn aber ein Ding schon ohne Zweifel ist, dann soll es uns auch immerzu Freude bereiten. Jawoll!
Das ist sauber argumentiert. Und gottgefällig ist es deshalb auch.
Bezug über info@ploeger-medien.de  Werdener Nachrichten, BuchgourmetEffilee 32/2015: Federleicht und streckenweise urkomisch gelungen.

Kein Mord in Nippes, Köln 1997
Den Kunden der Kölner Firma Kahn, Kuhlmann und Kahn soll, wie jedes Jahr im Januar, ein Büchlein überreicht werden, das die Firmenbindung stärkt. Vivi Venbau, die Texterin der Agentur, kommt auf die Idee, einen Krimi zu verfassen, in dem die Mitarbeiter eine tragende Rolle spielen. Der Praktikant Johann Stegemann erhält deshalb den Auftrag, diesen Krimi zu schreiben. „Sie machen das schon“, versichern ihm die Firmenchefs übereinstimmend, „wird sicher prima!“ openlibrary




 

 

Titanic, Rubrik „Vom Fachmann für Kenner“   (Auszug der Texte von Ludger Fischer) 

September 2017
Urteilsfähigkeit

Wenn ich, von plötzlicher Herzlichkeit übermannt, in einem Nahverkehrsbus meine Freundin küsse und dann höre, wie ein fünfjähriges Mädchen zu seiner Mutter sagt, „Mama, der Opa hat die Frau geküsst“, mache ich mir Gedanken um die Urteilsfähigkeit unserer Kinder. 


Juni 2017
Im Rheinland,
erzählt die Großmutter, werde von einem Aufhocker berichtet, einer Art Kobold, der die Menschen bedrücke. Er lasse sich auf Hut, Kopf oder Schulter eines Vorübergehenden fallen, strecke dann seine Glieder aus und werde zu einer unerträglichen Last. So ein Aufhocker sei es auch gewesen, der ihre Cousine zur Strecke gebracht habe. Sie selbst habe das immer schon gesagt. Deswegen habe sie ihr kurzerhand die völlig nutzlosen Antidepressionspillen abgenommen. Bald danach sei der Aufhocker dann erfolgreich gewesen.

Januar 2017
Wochentage
Wenn eine Firma damit wirbt, daß ihre Mitarbeiter Montageprofis sind, was machen die Leute dann den Rest der Woche?


September 2016
Walter Benjamin
suchte als Philosoph oft Halt bei Haschisch und Huren. Viel Handfestes kam nicht dabei heraus. Auch nicht bei seinen Beschreibungen von Paris, wo es Stellen gebe, die aussähen, „als sei über das Photo einer“ (abgebrochen). Über den Charme von Paris dürfe man sagen, es liege „in dieser Atmosphäre eine weise abgewogene Mischung, daß einer“ (abgebrochen). Den Charme von Benjamins Schreibweise kann jeder nachvollziehen, der schon einmal unter Cannabis-Einfluß z.B. Schatten für „eine Brücke über den Lichtstrom der Straße“ gehalten hat. Mir aber bleibt es überlassen, das Flanieren als Methode zum Entdecken des Unerwarteten

Januar 2016
Platon
hat die Gentechnik erfunden. Lange vor den nationalsozialistischen Lebensborn-Recken entwickelte er ein System zur Züchtung des besten menschlichen Genmaterials: „Nach unseren Ergebnissen müssen die besten Männer mit den besten Frauen möglichst oft zusammenkommen, umgekehrt die schwächsten am wenigsten oft; die Kinder der einen muß man aufziehen, die anderen nicht, wenn die Herde möglichst auf der Höhe bleiben soll. Das alles muß aber geheim bleiben.“ Und der Depp, dem er all das erklärte, antwortete stets „Sehr richtig. Ganz gewiss. Ja.“ Ich versuch’s auch mal: „Sind wir uns nicht einig, daß Philosophen, die menschenverachtende Schriften verfassen, aufs Tiefste zu verdammen sind?“ „Das sind wir.“ – „Und sollten sie nicht, wenn sie der Sklaverei das Wort reden und Privilegien für eine Elite fordern und jegliche Veränderung ablehnen, ewig geächtet werden?“ – „Das sollten sie.“ – „An wen aber sollen sich die Menschen richten, wenn sie etwas über die richtige Staatslenkung erfahren wollen?“ – „Nenne Du mir einen Namen!“ Ludger Fischer

Dezember 2015
Facebook-Feinde
„Du teilst doch wohl nicht Dein ganzes Privatleben mit jedem Deppen!“ sprechen mich Freunde an. Sie haben Angst vor dem Verlust ihrer Privatsphäre. Andererseits würden sie gerne die Möglichkeit nutzen, über meine Zugänge zu Facebook, Linkedin, Twitter und andere Medien mehr als einen ihrer Freunde zu informieren. Den zweiten nämlich auch. Sie wollen alarmieren, auf Skandale aufmerksam machen, ihrer Empörung Luft machen wie früher Leserbriefschreiber. „Könntest Du nicht mal eine Nachricht posten? Das muss doch öffentlich gemacht werden! Da soll mal schön ein Shitstorm losbrechen. Aber lass bloß meinen Namen aus dem Spiel!“ Wie löscht man eigentlich Freunde im richtigen Leben?

November 2015
Martin Heidegger
wollte und wollte ums Verrecken nicht verstanden werden. Deshalb hat er lauter Selbstverständlichkeiten aufgeschrieben, bei denen man sich fragt, was daran wohl aufschreibenswert war: „Das Sein west.“ Bon, was soll es sonst tun? Vielleicht sein? Das wäre immerhin ein Fitzelchen konsequenter. Und das Nichts? Klar: „Es nichtet.“ Da fragt man sich aber: Nichtet es sich oder anderes? Nichts dazu aus der Schwarzwaldhütte. Jetzt aber der Hammer-Satz zum Verständnis der Kunst, jeder Kunst: „Der Ursprung des Kunstwerkes und des Künstlers ist die Kunst.“ Soll ich’s auch mal versuchen? „Der Ursprung ist die Herkunft des Wesens, worin das Sein eines Seienden west.“ Was? Das ist auch von Heidegger? Ich komme da wohl nicht mehr raus. Dann eben so: „Im Wesen des Wesentlichen ist das Wesentliche des Wesens geborgen.“ Ahh! Ich sollte, glaube ich, mal wieder aus meiner Hütte herauskriechen. Heftarchiv

Juni 2015
Georg Wilhelm Friedrich Hegel
ist nicht als Klardenker verschrien. Das liegt vielleicht daran, dass er der Logik wenig Respekt entgegenbrachte. In seiner „Wissenschaft der Logik“ behauptet er nämlich, „daß das Negative ebenso sehr positiv ist“. Um die Aussage „A gleich Nicht-A“ stimmen zu lassen, verwendet er einen simplen Sprachtrick: „Indem das Resultierende, die Negation, bestimmte Negation ist, hat sie einen Inhalt.“ Ich versuch’s auch mal: „Indem das Nichts ein bestimmtes Nichts ist, ist es nicht Nichts.“ Oder wie wär’s mit diesem Kalenderspruch: „Ein nicht Vorhandenes ist insofern allzeit vorhanden, als es dem Vorhandensein ein Gegenüber darstellt.“ Ein prima Spiel! Zu einem Lehrstuhl für Dialektik wird’s wohl reichen, oder? Heftarchiv

Mai 2015
Uhrzeiten
Seit ein paar Tagen begeistere ich mich für Uhrzeiten. Auf meinem Digitalwecker fiebere ich der Anzeige 22:22 entgegen. Aber auch: 22:55. Da gibt es eine wunderschöne Spiegelachse in der Mitte. Das sieht besonders in der primitiven Digitalschrift sehr schön aus. Nicht ganz so elegant ist 23:32. Die ganze Nacht über gibt es interessante Ziffernkombinationen. Irgendwann in den frühen Morgenstunden schlafe ich dann ein. Dann ist es ganz schnell 11:11. Dafür, dass ich um diese Zeit noch im Bett liege, habe ich ja einen guten Grund. Meine Freundin schimpft, ich hätte wohl nichts Besseres zu tun, als meinen Wecker zu beobachten. Ich glaube, sie hat recht.

April 2015
Nachbarschaftshilfe

In ihrem Dorf, erinnert sich die Großmutter, sei man schon immer bereit gewesen, sich gegenseitig zu helfen. Als der jüdische Viehhändler etwa sein Geld habe eintreiben wollen, obwohl die Kuh, die er dem Nachbarn verkauft hatte, sofort danach krank geworden war, seien alle Bauern des Dorfes diesem sofort zu Hilfe geschritten. Den Viehhändler hätten sie gleich auf dem Feld, auf dem er erschienen sei, in der Furche liegen gelassen. Weil er aber keine Erben gehabt habe, hätte sein Besitz gerecht unter den Höfen im Dorf aufgeteilt werden müssen.

September 2014
Jean-Paul Sartre
gilt als ganz guter Gedankenmensch. Bei einem Blick in seine „Entwürfe für eine Moralphilosophie“ kamen mir jetzt Zweifel an des Denkers Darstellungen. Kalenderspruchartig hat er etwa diesen Spruch zusammengekloppt: „Suchst du die Authentizität um der Authentizität willen, bist du nicht mehr authentisch.“ Ich versuch’s auch mal: „Suchst du moralisch zu sein um der Moral willen, bist du nicht mehr moralisch.“ Klingt auch gut, oder? Oder was ist mit dem hier? „Die Erkenntnis ist, so sie um der Erkenntnis willen erlangt ist, keine Erkenntnis.“ Ich könnt’ Gefallen an dem Spiel finden. Ob ich damit aber in den Olymp der großen Denker aufrücke? Dann geht’s bei Sartre um etwas, was er „Konversion“ nennt. Hier einmal zwei sehr schöne Sätze: „Man kann die Konversion nicht allein vollziehen. Anders gesagt, die Moral ist nur möglich, wenn alle moralisch sind." Wie lang hat Sartre wohl an solchen Sätzen jeweils gefeilt? Eine halbe Minute vielleicht, oder doch eine filterlose lang? Wahrscheinlich ist er bei der nächsten Packung ja auch schon wieder ganz anderer und damit meiner Meinung gewesen, dass Moral auch dann möglich sein muss, wenn nicht alle moralisch sind. So und nur so wird nämlich ein Schuh draus! Das hat Sartre dann aber nicht aufgeschrieben, sondern weitere unausgereifte Sätze, wie den folgenden: „Die einzige Grundlage des moralischen Lebens muss die Spontaneität sein, das Unmittelbare, das Unreflektierte." Ich habe mir vorgenommen, darüber nicht allzu lang zu reflektieren.

Juni 2014
Entscheidungshilfe
Ihre ganze Clique, erzählt die Großmutter, wäre damals sicher im Gefängnis gelandet, wenn sie der Polizei nicht die reine Wahrheit über den Jungen erzählt hätte, der über das Brückengeländer balanciert sei. Immer wieder habe sie ihn mit den Worten »Du traust dich ja doch nicht!« davon abzuhalten versucht, bevor er es dann doch getan habe und in die Tiefe gestürzt sei. Manchmal, resigniert die Großmutter, helfe auch kein gutes Zureden.

Mai 2014
Postbeamte
Vor dem Schalter stehen die, die etwas aufgeben wollen, dahinter die, die längst aufgegeben haben.

April 2014
Wille und Vorstellung
Kaum noch vorstellbar sei es, erinnert sich die Großmutter, was die Wahl des Fernsehprogramms früher noch für Streit und Unmut in der Familie ausgelöst habe. Selbstverständlich habe der Großvater dabei immer seinen Willen durchgesetzt. Nach dessen Tod habe dann kaum noch jemand ins Fernsehen geschaut, weil alle nun immer das hätten sehen können, was sie sich wünschten. Die Programmwahl des Großvaters sei wahrscheinlich immer genau die richtige gewesen.

Dezember 2013
Große Freiheit
Wenn ich in Hamburg bin und noch etwas Zeit bis zur Abfahrt meines Zugs habe, gehe ich am liebsten in die Schnellimbißbude über der nördlichen Fußgängerbrücke. Da kaufe ich das billigste Getränk, setze mich ein paar Stunden auf einen der sehr bequemen Hocker und beobachte das Ein- und Ausfahren der Züge. Manchmal beobachte ich auch den Zug, mit dem ich eigentlich fahren wollte. Ich sehe ihn einfahren, sehe, wie die Leute ein- und aussteigen, gebe innerlich das Signal zur Abfahrt und der Zug fährt dann auch tatsächlich ab. Das gibt mir ein prima Gefühl von Freiheit. Wer bin ich denn, dass ich mit dem Zug fahren müsste, den ich mir zuerst ausgesucht hatte? Hier fahren viele Züge, das sehe ich doch. Manchmal fahren sie auch dorthin, wo ich hin fahren will. Die meisten fahren aber ganz woandershin. Manchmal nehme ich dann einen Zug, der ganz woandershin fährt. Das gibt mir ein prima Gefühl von Freiheit. Spätestens in Bremen oder Hannover ist dann meistens Schluß. Da muß ich dann aussteigen, weil der Schaffner das so will, aber meistens will ich das dann auch. Ich muß nicht bis zur Endstation durchfahren. Zur Endstation komme ich noch früh genug. Manchmal warten in Bremen oder Hannover schon zwei Beamte, die mich freundlich empfangen und mitnehmen. In deren Büro gibt’s meistens Kaffee, auf jeden Fall aber kaltes Sprudelwasser. Außerdem sind die Beamten immer zu einer anregenden Unterhaltung über rechtliche und philosophische Themen aufgelegt. Da verstehen sie aber leider nicht so viel von. Die Beamten merken das dann auch immer ganz schnell und schicken mich weg. Das gibt mir ein prima Gefühl von Freiheit.

November 2013
Eierschneider
Zu meiner ersten eigenen Bude gehörte ein Eierschneider. Aus Plastik. In Orange. Dazu ein Eipick. Aus Plastik. Unten orange, oben weiß. Ich installierte ihn so, dass orange oben, weiß unten war, indem ich ihn mit Superkleber unter dem Tassen-und-Teller-Hängeschrank befestigte. Die Idee fand ich super: Ei aus der Pappe nehmen, von unten gegen den Eipick drücken, damit hoffentlich das Aufplatzen des Eis im Kochwasser verhindern, mich sehr gut organisiert fühlen. Der Eipick war immer am selben Platz, musste also nicht mühsam in Schubladen gesucht werden, er konnte nicht verstauben, und wenn jemand zu Besuch kam, konnte ich nach dem nie ausbleibenden „was ist DAS denn?“ den Eindruck eines sehr cleveren Bürschchens machen. So richtig clever, stellte sich ziemlich schnell heraus, war die Idee aber doch nicht. Die fettigen Kochschwaden legten sich auf den Eipick und es bildete sich um ihn herum auch eine unschöne Schicht aus Eimasse. Die Eimasse war dort durch Eier gelandet, die eine viel zu dünne Schale und deswegen das Anpieksen nicht gut vertragen hatten. Ich habe meine Feinmotorik seitdem erheblich verbessert.
Für den Eierschneider im selben undezenten Orange hatte ich keine feste Installation vorgesehen. Ich kann mich nicht erinnern, das Plastik-Draht-Maschinchen jemals, außer missbräuchlich, nämlich als Harfe, verwendet zu haben. In einem Einpersonenhaushalt sind die Anlässe, zu denen man zwölf Eier kochen, schneiden, legen müsste, selten. Meine Mutter hatte mir das Ding – „ist doch praktisch!“ – für meine erste eigene Bude gekauft, weil sie dachte, dass ich meine Freunde, so wie sie es zu tun pflegte, gerne mit Häppchen und Schnittchen bewirten würde. Häppchen und Schnittchen waren in meinem Freundeskreis aber schon damals nicht sehr beliebt. Ich selbst lud nie jemanden ein, weil ich alle Tage und Nächte mit Selbstfindung vollauf beschäftigt war und nicht auch noch Zeit mit Häppchenzubereitung verplempern wollte. Stattdessen klimperte ich hochkonzentriert auf meiner Eierschneiderharfe und dachte darüber nach, was mir das wohl über die Welt mitteilen würde. Heftarchiv

Juni 2013
How to prepare Tapas
Für Fachmänner ist das Herstellen original spanischer Tapas ein Klacks. Anleitung dazu gibt in guten »All inclusive«-Hotels der Tapas-Tölpel. Der Tapas-Tölpel wird vom mühsam werbenden Animations-Schnösel als herausragender Küchenchef angekündigt. Der Animations-Schnösel wirbt damit, daß die Teilnehmer eine einzigartige Einführung in die Zubereitung der einzigartigen kulinarischen Spezialität Tapas erhalten, und alle Teilnehmer dürften sich anschließend als Tapas-Küchenchefs bezeichnen. Der Aufforderung folgen selten mehr als zwei Paare. Die beiden Paare stehen dann da und manschen marinierte Paprika aus der Dose und marinierte Zwiebeln aus der Dose und Thunfisch aus der Dose zusammen. Sie häufeln die Pampe auf kleine, salzlose Weißbrotscheibchen und dürfen sich vom Tapas-Tölpel ein begeistertes »Fantástico!« anhören. Dann lernen sie, wie man statt der Paprikapampe geschmacksarme Pfannkuchen-Stückchen, die Tortilla genannt werden, auf die salzlosen Weißbrotstückchen drauflegt und mit einem Zahnstocher durchpiekst: »Fantástico!« Dann lernen sie, wie man in Schinken gewickelte Garnelen durchpiekst und auf salzlose Weißbrotstückchen steckt. »Fantástico!« Dann lernen sie, wie man Käsestücke (Queso) auf salzlose Weißbrotstückchen legt und mit einer Lötlampe leicht erwärmt: »Fantástico!« Dann werden die ganzen fetten Häppchen noch mit Olivenöl übergossen und müssen gegessen werden, aber spätestens jetzt sollten Sie, so wie ich, den Ort des Geschehens verlassen. Heftarchiv

März 2013
Unschlauer Bauer
An einem Ostermontag, erinnert sich die Großmutter ganz genau, sei der Ertl Josef auf seinem eigenen Hof von einem Stier angefallen worden und dabei lebensgefährlich an der Brust und an der Lunge verletzt worden. Trotzdem habe er gerettet werden können. Sieben Jahre später aber habe er sich auf dem Hof seines Sohnes Christoph schwere Brandverletzungen zugezogen. Im Krankenhaus sei dann festgestellt worden, daß man ihn nicht mehr retten konnte. Man habe ihn deshalb auf dem Bergfriedhof beigesetzt. Vierzehn Jahre lang sei der Ertl Josef Landwirtschaftsminister gewesen, aber den richtigen Umgang mit Tieren und mit Feuer habe er dabei wahrscheinlich genauso vergessen, wie seine Mitgliedschaft in der Nazipartei. Heftarchiv

Februar 2013
Respekt
Daß Menschen mit dunkler Haut ganz anders, nämlich strenger behandelt werden müssen - , das, behauptet die Großmutter, sei ihr bei einer Anekdote klar geworden, die ihr Bruder Otto einmal erzählt habe. Als Mitglied des diplomatischen Corps habe er den damaligen Bundespräsidenten nach Togo begleitet. Als Herr Lübke einige Vertreter der dortigen Bevölkerung gefragt habe, ob sie noch ein paar Brocken Deutsch sprechen würden, sei ein alter Mann vorgetreten und habe gesagt: „Jawohl. Steh stramm, Du Schwein!“ Da habe der Bundespräsident diesem Mann freundlich die Hand geschüttelt. Heftarchiv

November 2012
Als Sammler
begnüge ich mich nicht mit dem Sammeln von Eindrücken, Kronkorken und Hautcremes aus Hotels, die meine Freundin in regelmäßigen Abständen in den Müll verfrachtet. Als echter Sammler sammele ich etwas, was wirklich kein Mensch gebrauchen kann, nicht einmal ich: Plastikkugeln aus leeren Deorollern. Mittlerweile habe ich schon zwei Schuhkartons davon gesammelt. Jede Überlegung zu einer praktischen Verwendung habe ich bisher verworfen, etwa die, sie dem Wuppertaler Tanztheater zu Übungszwecken auf die Bühne zu kippen und auch die, sie zur Hauptverkehrszeit eine U-Bahn-Treppe hinabhüpfen zu lassen. Ich glaube, ich belasse es beim zweckfreien Sammeln, denn darum geht es doch, oder? Heftarchiv

September 2012
1 aus 365
Das Erstaunlichste, was sie erlebt habe, berichtet die Großmutter, sei, daß die Schwiegermutter ihrer Tochter Lilli nicht nur denselben Vornamen wie diese gehabt habe, sondern auch am selben Tag geboren sei, wenn auch zwanzig Jahre vorher. Trotzdem sei es nie zu Verwechslungen gekommen, weil sich die ältere Lilli noch im Jahr der Hochzeit ihres Sohnes aufgehängt habe, das aber an einem ganz anderen Tag, als an deren und auch Lillis, ihrer Tochter Geburtstag, obwohl der nur zwei Wochen später gefeiert worden sei. Das, meint die Großmutter, sei von allem das Allererstaunlichste. Heftarchiv


Februar 2012
Ganz falsch,
ärgert sich die Großmutter, hätten andere Zeugen ein Ereignis geschildert, das sich an der alten Schleuse ereignet habe. Das Auto, um das es gehe, sei, so hätten sie gesagt, von der Uferstraße her gekommen. Sie selbst aber habe gesehen, wie es aus der anderen Richtung gekommen, ohne zu bremsen auf die Schleusenkammer zugefahren, abgekippt und schließlich mit all seinen Insassen versunken sei. Natürlich hätten die Insassen die Türen nicht öffnen können, weil die Schleusenkammer dazu viel zu schmal sei. Sie selbst habe, nachdem das Blubbern aufgehört habe, die Polizei gerufen, vorher aber noch die Kette vor die Zufahrt gehängt, damit nicht noch mehr passiere. Heftarchiv

Oktober 2011
Eine Vormundschaft,
erklärt die Großmutter, sei eine ernste Sache und werde nicht jedem angetragen. Daß sie diese Aufgabe nicht ablehnen konnte, habe auch daran gelegen, daß sie als einzige gewußt habe, wer der richtige Vater des kleinen Klaus gewesen sei. Nach dem Tod seiner Mutter seien die Stiefmutter und der Stiefvater mit der Erziehung des Kleinen kläglich gescheitert, deshalb habe sie von Amts wegen diese Rolle übernommen. Von ihr, der Großmutter, habe er aber keine Lehre annehmen wollen. Die Großmutter erklärt das damit, daß dieser Junge schon völlig verdorben gewesen sei, als sie die Vormundschaft übernommen habe. Deshalb sei sie auch nicht überrascht gewesen, als ihr Mündel sich nach dem Aufenthalt in verschiedenen Heimen und Strafanstalten umgebracht habe. Bei diesem Jungen, lacht die Großmutter, sei einfach alles schiefgelaufen, aber das sei ja nicht ihr Problem. Heftarchiv

Juni 2011
Haarrisse
Manch teure Überprüfung eines Hauses auf Einsturzgefahr erweist sich als überflüssig, wenn sich die scheinbaren Risse in den Wänden bei genauem Hinsehen als Spinnenfäden herausstellen. Heftarchiv

Mai 2011
Der Zweier
Schon zum zweiten Mal bekam ich jetzt einen Pfeffer- und Salzstreuer, genauer, ein orthographisch fragwürdiges „2er Set Pfeffer & Salz-Streuer“ in Herzform geschenkt. Das erste Set hatte ich erfolgreich weiterverschenken können. Mit dem zweiten wird’s schwieriger. Wer weiß schon metallene herzförmige Pfeffer- und Salzstreuer in Eiergröße zu schätzen, genauer „hochglänzende Metallherzen verbunden mit Magneten“? Wenn Sie ein richtiger Schnelldenker sind, fragen Sie sich jetzt natürlich, an welcher Stelle und wieso überhaupt die beiden Herzen mit Magneten verbunden sind. Ich habe mich das nicht gefragt, einerseits, weil ich kein Schnelldenker bin, andererseits, weil ich das Geschenkset in Händen hielt und genau sehen konnte, was sich der Geschenkseterfinder bei seinem Herzentwurf gedacht hatte. Nicht die Herzen sind nämlich mit Magneten verbunden, sondern jedes, in sich senkrecht zweigeteilte Herz ist mittels Magneten wieder zu einem ganzen verbunden. Dadurch, so die herzige Idee, hat jeder Frühstücker für sein Frühstücksei sein eigenes Pfeffer- und Salzset und muss seinen Mitesser nicht um die entsprechenden Streuer bitten. Der letzte Anlaß für Kommunikation ist damit auch aus der Welt, das Frühstücksschweigen perfekt. Ich danke der Firma Warbeg GmbH in Essen-Rüttenscheid. Endlich kann ich meine Knopf-im-Ohr-Kopfhörer ganztägig im Ohr lassen. Heftarchiv

März 2011
Verkehrsunfälle,
erinnert sich die Großmutter, habe es früher kaum gegeben. Jedenfalls nicht so schlimme. Eigentlich könne sie sich nur daran erinnern, wie dem Michael aus der Siedlung die Beine weggerissen worden seien von einem Motorrad, bei dem der Motor so gefährlich zur Seite herausragte. Der Michael sei noch jahrelang an Krücken gelaufen und später dann gar nicht mehr. Und Onkel Fritz sei nur deswegen so schwer verletzt worden, weil der Umschalter für den Reservetank so unbequem im Fußraum des Autos angebracht gewesen sei. Sein Sohn Franz-Josef habe deshalb ja die Gewalt über den Wagen verlieren müssen, und Onkel Fritz sein linkes Bein. Und ihr Neffe Stefan sei mit seinem Motorrad immer sehr vorsichtig gefahren und habe gar nicht damit rechnen können, dass ihm in der Kurve vor dem Wald ein Auto auf der falschen Straßenseite entgegenkommen würde. Der Fahrer dieses Autos habe auch noch frech behauptet, dass der Stefan auf der falschen Seite gefahren sei, aber das mache ihn jetzt auch nicht mehr lebendig. So schlimm wie heute aber, da ist sich die Großmutter ganz sicher, sei das mit den Verkehrsunfällen früher nicht gewesen. Heftarchiv

Februar 2011
Feinabstimmung
In Kenia hatte ich Gelegenheit, an der Hotelrezeption meine technischen Kenntnisse aufzubessern:
„Guten Tag, ich habe eine Frage.“
„Bitte fragen.“
„Die Klimaanlage, kann man die regulieren?“
„Ja, kann man regulieren.“
„Ich meine, kann man mehr, als sie an- und auszumachen?“
„Kann man nicht ausmachen? Ich komme mit.“
„Nein danke, man kann sie ausmachen.“
„Kann man ausmachen?“
„Ja, man kann sie ausmachen und dann wieder anmachen.“
„Kann man nicht anmachen? Ich komme mit.“
„Nein danke, man kann sie anmachen.“
„Kann man anmachen?“
„Ja, man kann sie anmachen und dann wieder ausmachen. Wenn sie an ist, kann man die Temperatur aber nicht regulieren. Dann wird es in zehn Minuten eiskalt und wenn man sie ausmacht, ist es in zehn Minuten wieder brüllheiß.“
„Ja, wenn zu heiß, muss man anmachen.“
„Hm.“
„Und wenn zu kalt, muss man ausmachen.“
„Hm.“
„Ah, jetzt haben verstanden. Ist ganz einfach. Hab’ ich erst auch nicht kapiert, aber kommt.“
„Danke!“ Heftarchiv


Oktober 2010
Verständigungsschwierigkeiten
Völkerverständigung, meint die Großmutter, sei heutzutage vielleicht ein beliebtes Thema, sie aber gebe zu bedenken, was kurz nach dem Krieg mit Josef, dem jüngsten Sohn ihrer Großtante Mariechen passiert sei. Den nämlich, erzählt sie, hätten die Polen erschlagen, einfach so. Der Josef sei zwar ein Krüppel gewesen und deshalb nicht zur Wehrmacht eingezogen worden, aber deshalb hätte man ihn nicht gleich totschlagen müssen. Vielleicht, überlegt sie, hätten diese Polen sich daran erinnert, wie der Josef mit ihnen umgesprungen sei, als sie auf dem Hof von Tante Mariechen zur Arbeit herangezogen worden waren. Der Josef habe diese Leute natürlich hart rannehmen müssen, damit sie überhaupt arbeiteten und im Krieg seien ja sowieso viele tot geblieben. Diese Polen aber, meint die Großmutter, hätten einfach nicht vergessen und verzeihen können. Von Völkerverständigung hätten die jedenfalls nichts verstanden. Heftarchiv

Juni 2010
Entzugserscheinung
Die Gefahren, die von Schusswaffen ausgehen, würden heutzutage erheblich überschätzt, meint die Großmutter. Jeder Vorfall werde zu einem Skandal aufgebauscht. Natürlich habe ihr Neffe selbst den größten Schaden davongetragen, als er sich damals in den Fuß schoß und natürlich habe er nur versehentlich durch die Wand geschossen, hinter der sich die Gruppe seiner Jagdfreunde befand. Kein Wunder, dass er aufbrausend reagiert habe, als man ankündigte, ihm deswegen den Waffenschein zu entziehen. Dass es danach Tote geben würde, habe sie prophezeit, und genau das sei ja auch eingetreten. Jetzt stehe der Junge wieder am Pranger, obwohl er doch provoziert worden sei. Heftarchiv

Mai 2010
Wahrheitsgehalt
Mal überlegen: Wenn meine Freundin meint, Frauen könnten besser mit Worten umgehen als Männer, dann aber sagt: »Frauen können besser mit Worten umgehen als mit Männern«, welche Aussage ist dann falscher? Heftarchiv



Juni 2009
Gebührenerhebung
Daß ihre beste Freundin eigentlich kriminell sei, resigniert die Großmutter, habe sie schon immer vermutet. Als diese Freundin ihr auch noch erzählt habe, daß sie schon jahrelang einen Fernseher besitze, ohne Gebühren zu zahlen, habe sie versucht, ihr aus der Kriminalität zu helfen und ein Anmeldeformular für Gebühren ausgefüllt. Sie habe das Formular natürlich auch mit dem Namen ihrer Freundin unterschrieben und korrekt abgegeben. Daß ihr das jetzt als Urkundenfälschung angelastet werde, ließe sie am ganzen Rechtssystem zweifeln. Plötzlich stehe sie als die Kriminelle da. Die Welt, meint die Großmutter, sei schon sehr aus den Fugen. Heftarchiv


Mai 2009
Lebenslanges Lernen
Seit Großmutter aus dem Krankenhaus zurück ist, verwendet sie Floskeln, die sie von ihrer siebzehnjährigen Zimmernachbarin mitgebracht hat. Ständig fragt sie, wie kraß oder wie abgefahren denn irgend etwas sei. Auf unsere Frage nach dem Gesundheitszustand der jungen Zimmernachbarin antwortet sie, dieses Mädchen sei bis zu seinem Ableben voll krank gewesen, irgendwie. Heftarchiv

Februar 2009
Weltverweigerung
Heute hatte ich wieder einmal einen Anfall von Konsumverzicht. In unregelmäßigen Abständen habe ich eine Kaufblockade, die es mir unmöglich macht, irgendetwas zu kaufen, was nicht für den unmittelbaren Lebensunterhalt notwendig ist. Das ist außer Grundnahrungsmitteln fast nichts. In solchen Kaufverweigerungsphasen erfreue ich mich daran, Vorräte aufzubrauchen, Konserven mit kaum überschrittenem Mindesthaltbarkeitsdatum zu essen und kalorienarme Getränke zu mir zu nehmen, vorwiegend Leitungswasser und Tee. Ich halte das für eine relativ milde Form von Weltverweigerung und möchte deshalb vorläufig keine psychologische Beratung beanspruchen. Die würde ja auch nur Kosten verursachen. Für morgen ist „Schopping“ mit meiner Tochter geplant. Hoffentlich hält mein Anfall bis dahin noch an. Heftarchiv

Januar 2009
Entscheidender Hinweis
Was heute „Depressionen“ heiße, ärgert sich die Großmutter, habe man früher viel passender „gemütskrank“ genannt. Die Frau ohne Lächeln, deren Namen sie nie habe in Erfahrung bringen können, sei eben gemütskrank gewesen. Das habe auch ganz klar mit dem Tod ihres Sohnes zusammengehangen. Das Baby sei nur deshalb gestorben, weil es von seiner Mutter nie angelächelt worden sei. Offiziell habe es geheißen, dass ein verrutschtes Kissen dem Kind nicht genügend Luft gelassen habe. Gemütskrank sei diese Frau aber schon vorher gewesen. Das habe sie, die Großmutter, der Polizei auch ganz klar bestätigen können. Die Polizei habe die Frau ohne Lächeln dann auch sofort mitgenommen und danach habe man sie nicht mehr gesehen. Heftarchiv

September 2008
Reparaturanleitung
Als Großmutter sich damit abgefunden hatte, daß ihr Enkel einem Motorrad­unfall erlegen war, besserte sich ihre Stimmung zusehends. Ihre prinzipielle Abneigung gegen zweirädrige Motorfahrzeuge, gab die Großmutter kund, behalte sie aber bei. Jedenfalls werde sie nie wieder, verkündete sie feierlich, irgend jemandem bei der Reparatur so eines Teufelsgeräts behilflich sein. Wer wisse denn, welche Schläuche und Schrauben da wirklich wo hingehörten. Ihr sei in diesem Punkt jedenfalls weder etwas beizubringen noch vorzuwerfen. Heftarchiv

September 2007
Hufschlag
Ganz genau erinnert sich die Großmutter, daß es nicht Friesen gewesen seien, die der Verstorbene gezüchtet habe, sondern Schleswiger Kaltblutpferde. Mit ihnen sei er seinerzeit bis nach Rußland gefahren und mit den meisten von ihnen auch heil wieder zurückgekehrt. Erst bei seiner Beerdigung habe sich jener Vorfall ereignet, bei dem ein zum Spalier aufgestelltes Pferd gestiegen sei und seiner Halterin Gesicht und Brustbein zertreten habe. Diese Frau, von der es immer heiße, sie sei bei der Beerdigung gestorben, lebe aber immer noch, da ist sich die Großmutter ganz sicher. Seit diesem Unfall sei sie allerdings völlig entstellt und außerdem habe sie sie auch vorher kaum gekannt. Heftarchiv

Juli 2007
Witzumzingeln
Jeder Witz, wenn er auch noch so schlecht ist, wird gemacht. Mein Problem ist: Warum ausgerechnet von mir? Ein Witz, der mir so peinlich ist, dass ich ihn bisher nur mir selbst erzählt habe, hängt mit einer Verknüpfung des Designers Pierre Cardin mit dem Erfinder der Kardanwelle Gerolamo Cardano zusammen. Durch diese Veröffentlichung hoffe ich, vom Zwang des Witzemachens bei jedem Sockenaufhängen befreit zu werden. Ich habe nämlich ein Paar Socken mit dem unnötig großen Aufdruck „Pierre Cardin“. Sobald ich sie sehe, kommt mir der unsäglich dumme Satz in den Sinn: „Ah, vom Erfinder der Pierre Cardin-Welle“. Ich glaube an die läuternde Kraft der Literatur!

Dezember 2006
Gewürzmischung
An der Pfeffermühle, erinnert sich die Großmutter, habe noch lange nach deren Stillegung der aromatische Pfeffergeruch die Luft geschwängert. Deshalb vermische sich ihr beim Kochen noch heute dieser Ort ihrer Jugend mit der Geschichte der Frau, die im Gebüsch neben der Pfeffermühle gefunden worden sei, so leblos, wie unbekannt. Ganz sicher sei sie das Opfer eines Gewaltverbrechens gewesen, das aber nie habe aufgeklärt werden können. Wochenlang sei die Bevölkerung zur Angabe von Beobachtungen aufgefordert worden, was sie selbst aber ignoriert habe, obwohl sie zur ehemaligen Pfeffermühle und den dort ein- und ausgehenden Menschen einiges zu sagen gehabt hätte. Die Frau, meint die Großmutter, wäre durch ihre Aussage sowieso nicht mehr lebendig geworden. Heftarchiv

September 2006
Selbstmord,
empört sich die Großmutter, habe es früher nur selten gegeben, dafür seien die Menschen einfach zu beschäftigt gewesen. Ein Mitschüler habe sich allerdings, wenn sie sich jetzt genau besinne, doch schon während der Schulzeit aufgehängt, weil seine Eltern zu viel von ihm verlangt hätten. Ihre anderen Schulfreunde, die freiwillig aus dem Leben geschieden seien, hätten dies aber wesentlich später getan und auch aus guten Gründen, wie ihr Cousin Franz-Josef, der im Leben einfach keinen Fuß habe fassen können, oder der damals nur unter dem Namen »Pommes« bekannte Mitschüler, der nach mehreren Vergewaltigungen und sonstigen Straftaten ohnehin keine Chance zu einer ordentlichen Existenz gehabt habe. Heftarchiv

April 2006
Selbsthilfe
In der schlechten Zeit, erzählt die Großmutter, habe sie zuerst in der einen, dann in der anderen Schneiderwerkstatt im Nachbarort gearbeitet, wo sie jeweils die Erfahrung habe machen müssen, daß der Lohn am Monatsende nicht gezahlt worden sei, weil die Kunden ihrerseits nicht gezahlt hätten. Sie habe sich deshalb selbständig gemacht. Das aber scheine einem der vorherigen Arbeitgeber nicht gepaßt zu haben, weshalb er sie der Schwarzarbeit beschuldigt habe. Die Akte mit der anonymen Anzeige sei dann aber irgendwann verschwunden, und Onkel Hermann, der bei der Polizei war, sei auch sonst ein netter Kerl gewesen. Damals habe man sich eben noch gegenseitig geholfen und unter die Arme gegriffen, wenn Not am Mann war. Deswegen könne sie es sich auch bis heute nicht erklären, daß beide Schneiderwerkstätten wenig später ausgebrannt seien, ohne daß die Nachbarschaft Löschversuche unternommen hätte. Heftarchiv

November 2005
Jugendsünden
Über die scheinbar wachsende Kriminalität in der Welt hält sich die Großmutter mit Fernsehserien auf dem Laufenden. So etwas habe es früher nicht gegeben behauptet sie, jedenfalls nicht hier, außer vielleicht in einem Fall, als Jugendliche den Besitzer der Imbißbude mit seinem Hintern ins brodelnde Fett gesetzt hätten. Es sei nie geklärt worden, womit er die Jugendlichen derart provozieren konnte. Dieser Mann sei dann auch wenig später erstochen worden, aber das habe einen ganz anderen Hintergrund gehabt, an den sie sich jetzt nicht mehr erinnern könne. Mit der heute üblichen Kriminalität habe das alles aber nichts zu tun. Heftarchiv

Juli 2005
Ferntourismus
Der Schlosser, Pfefferl habe er geheißen, sei schon ein ganz seltsamer Kauz gewesen, berichtet die Großmutter. Erst habe er fast zwanzig Jahre lang an einer Yacht geschweißt, mit der er nach Teneriffa habe segeln wollen, dann sei er, was keiner geglaubt habe, tatsächlich nach Teneriffa gesegelt und auch heil zurückgekommen. Kurz danach aber, keine zwanzig oder dreißig Jahre später, sei er an Magenkrebs gestorben. Der Ferntourismus, sagt die Großmutter, sei eben gefährlich und habe sie nie gereizt; außerdem habe der Pfefferl sie nicht mitnehmen wollen. Heftarchiv

April 2005
Selbstbewußtsein
In der Disco werde ich leicht übersehen, im Gasthaus häufig nicht gehört, und nach Partys fragt man mich: „Ach, du warst auch da?“ Deshalb ist es gut, im Internet auf Partnersuche gehen zu können. Meine persönliche Suchassistentin teilt mir regelmäßig das Neueste zu meinem Suchprofil mit: „Hallo Ludger! Wir freuen uns, Ihnen folgende Ereignisse mitzuteilen: Sie haben 0 neue Nachrichten seit dem letzten Monat und 0 ungelesene Nachrichten in Ihrem Briefkasten. Sie sind bei 0 Mitgliedern seit dem letzten Monat neu/erneut Favorit. Insgesamt sind Sie bei 0 Mitgliedern in der Favoriten-Liste. Find ich toll. Sie sind seit dem letzten Monat von 0 Mitgliedern toll gefunden worden. Insgesamt finden 0 Mitglieder Sie toll.“ Heftarchiv

November 2004
Bildungslücke
Wenn ich die ganzen verschwitzten T-Shirts und strengriechenden Socken in die Waschmaschine im Waschsalon gestopft und das Waschpulver gleichmäßig in die beiden Schächte für Vor- und Hauptwäsche verteilt habe, ist es nicht schön festzustellen, daß der Einwurfschlitz für die Wertmarke blockiert ist. Das Umladen der noch trockenen Wäsche in eine andere freie Trommel macht den geringsten Teil der dann anfallenden Arbeit aus, einen größeren das Ausschöpfen der Waschmitteleinfüllschächte mit bloßen Händen und der Hand-für-Hand-Transport des Waschmittels zur jetzt befüllten Maschine. Die größte Arbeit aber besteht darin, damit fertig zu werden, daß mich der Analphabet, der dort immer herumlungert, aufklärt: „Mustu kucken. Is kaputt. Steht dran.“ Heftarchiv

September 2004
Quatschautos
Die hochrädrigen Autos, die mehr und mehr das Straßenbild bestimmen, erklärt Ingo seinem Sohn als „Quatschautos“, Fahrzeuge, für die man auch nach heftigem Überlegen nicht auf eine einzige sinnvolle Nutzung kommt. Sie sind für Autobahnen zu hoch, für die Stadt zu groß und für unbefestigte oder verschneite Wege völlig ungeeignet. „Warum sind die ungeeignet?“ fragt Ingos Sohn dann, und Ingo geht ins Detail: Die breiten Reifen und das hohe Gewicht so eines Autos verringern die Haftung auf Schnee und Matsch. Es bleibt dann hoffnungslos stecken, während normale Autos meist problemlos weiterkommen. „Papa“, fragt Ingos Sohn dann, „sind solche Quatschautos teuer?“, und Ingo erklärt ihm ausführlich, daß Quatschautos nicht nur teuer, sondern besonders teuer sind, damit ihre Besitzer den Eindruck haben, daß es gute Autos seien. Die Psychologie der Preisgestaltung leuchtet Ingos Sohn auf Anhieb ein. „Papa“, sagt er, "wenn ich groß bin, kaufe ich mir auch ein Quatschauto.“ Heftarchiv

April 2004
EM-Qualifikation
Wenn man am Flughafen Lissabon in einer Kaffeebude der Firma Harrods einen Großen Kaffee für 1,80 bestellt, dann aber einen Spezial-Kaffee für 2,50 serviert bekommt, dann nur deswegen, erklärt die freundliche Bedienung, weil ja der Spezial-Kaffee nicht in der Speisekarte aufgeführt ist, der Große Kaffee dagegen, obwohl er aufgeführt sei, nicht serviert werde. So ist das in Lissabon, wo auch die Speisen in Restaurants entweder in der Karte stehen oder serviert werden. Die in den Speisekarten aufgeführten Preise gelten außerdem 1. nicht mittags, 2. nicht abends, 3. nicht für die Speisen, hinter denen sie stehen. In Lissabon glaubt man allerdings, es müsse auf jeden Fall Speisekarten geben, und in denen wird dann eben links etwas Eßbares erwähnt, und rechts steht irgendeine Zahl. Heftarchiv

August 2003
Griechische Lokale
sind gute Lokale. Sie haben den Vorteil, daß sich die Gäste automatisch gut, das heißt angemessen benehmen, schon deswegen, weil sie keine Feinschmeckerallüren an den Tag legen müssen. Das Essen in griechischen Lokalen ist immer gut, schon deswegen, weil die Köche gar nicht wissen, was Feinschmeckerallüren sind. Heftarchiv

März 2003
e-Learning
soll ja sehr hilfreich sein. Wenn aber auf der entsprechenden Internetseite der Europäischen Union www.elearningeuropa.info die Kommissarin Viviane Reding werbend eingreift, kommen mir Zweifel, ob's mit der wissensbasierten Gesellschaft bis 2012 wirklich noch klappt. Für Frau Reding steht nämlich fest: „Vom e-Learning profitiert den Lernenden in jeder Situation.“ Ich bin da nicht so sicher. Heftarchiv

Dezember 2002
Menschenkenntnis
Die ganzen Todesfälle, von denen sie bisher erzählt habe, wiegelt die Großmutter ab, seien wirklich Ausnahmen gewesen. Die meisten der Leute im Ort und auch unserer Verwandten seien ganz normal gestorben oder alles sei geklärt worden. Selbst die Frau unseres Cousins Wolfram sei ja, nachdem sie zuerst spurlos verschwunden und sogar als vermisst gemeldet worden war, wieder aufgetaucht, wenn auch im See und nicht mehr lebend. Bei „so einer“, winkt die Großmutter ab, sei das aber auch zu erwarten gewesen, das habe sie gleich gesagt. Heftarchiv

Oktober 2002
Richtigstellung
Völlig durcheinander, ereiferte sich die Großmutter, brächten alle immer wieder zwei Todesfälle in ihrer Familie. Nicht ihr Vater Heinrich sei, wie auf einem häufig zitierten Totenzettel vermerkt, „sanft im Herrn entschlafen“, sondern dessen Großonkel Theodor. Die Ursache sei gewesen, daß er völlig trunken in den Bach an der Chaussee gefallen und dort im eigentlich recht seichten Wasser ersoffen sei. Ihr Vater aber, von Beruf Steinmetz, sei eines natürlichen Todes und auch ausweislich seines Totenzettels „als Opfer seines Berufs“ gestorben, als die Hütte im Steinbruch, in der er sich befand, von einer abrutschenden Felsplatte zermalmt wurde. Heftarchiv

August 2002
Rechtsberatung
Dass er mit der Sache irgend etwas zu tun gehabt habe, weiß die Großmutter, habe man dem unehelichen Sohn der Metzgersgattin nie nachweisen können. Das Opfer, ein Hitzkopf aus der Wiesengasse, habe diesen allerdings, als beide sich mit geladenen Gewehren gegenüber standen, deutlich provoziert und in triumphierendem Ton immer wieder gestichelt „Schieß doch, schieß doch, dann komm ich auf den Kirchhof und du ins Gefängnis“. Dann aber, beruhigt die Großmutter, sei alles doch noch gut ausgegangen und der Hitzkopf sei auch gar nicht erschossen worden, sondern habe tot am Boden eines Hochsilos gelegen. Heftarchiv

Juli 2002
Ernährungsberatung
Vieles liegt, das kann die Großmutter bestätigen, auch an der richtigen Ernährung. Die Tochter des Schmitt-Hofs, der, als die Autobahn kam, zuerst abgebrochen, dann jedoch - zwar im "Feuchten Grund", aber ganz modern - wieder aufgebaut wurde, sei einmal schwanger gewesen. Der Lehrer, der zuerst für den Vater gehalten worden sei, habe alles abgestritten und sei dann auch nach Würzburg versetzt worden. Trotzdem sei das Kind nicht lebend zur Welt gekommen, weil seine Mutter eine Flasche verdorbener Milch getrunken habe. Heftarchiv

Mai 2002
Ganoventradition
Vor gar nicht allzu langer Zeit, ihre eigene Großmutter habe jedenfalls noch ganz genau darüber berichten können, sei eine Räuberbande, die Schmittlichs, den Main entlang gezogen und habe eine Ortschaft nach der anderen ausgeraubt und geplündert. Hier im Ort, erzählt die Großmutter, habe diese Bande eine Art Zwischenquartier aufgeschlagen, und zwar genau in der Pfarrswiese neben dem Weiher, der später, 1953, mit dem Aushub des Sägewerks verfüllt worden sei. Heute stehe dort das Wohnhaus des "Ganoven" Kurt Müller. Daran aber, daß der Müller Kurt ein Ganove sei, sagt die Großmutter, sei nicht zu zweifeln, sonst hätte er ihr damals ja auch noch einen zweiten Antrag gemacht und nicht gleich die Flinte ins Korn geworfen. Heftarchiv

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Rubrik „Briefe an die Leser“

April 2010
Wenn, Air France/KLM,
Eure Piloten, wie wir jüngst auf dem Münchener Flughafen beobachteten, die ohnehin schon kleinen Fensterchen, die sie zum Rausgucken haben, mit Zeitungen und Sudoku-Heften vollräumen wie Klempner ihre Montagewagen mit Porno-Magazinen, dann wird das alles noch einmal ein schlimmes Ende nehmen. Wie? Die Sudoku-Hefte dienen nur als Schutzumschläge für Porno-Magazine? Dann sind wir ja beruhigt.

Juni 2006
Wir, Heilpraktiker,
glauben ja sowieso schon sturheil an die Wirkung von Globuli und verschlossenen Glasfläschchen und Kraftfeldern und Energiezonen. Ob's aber trotzdem klug war, Euren Kongreß in Essen, an dem nicht weniger als sechs deutsche Verbände Eurer Zunft teilnahmen, ausgerechnet am, haha: 1. April abzuhalten?
Eure Experten für Komik in homöopathischen Dosen von Titanic

 

Zu: Helge Schneider: Das scharlachrote Kampfhuhn, Köln 1995, in: DER RABE (Zürich) Nr. 46 (1996), S. 226:

Schneider-Fans wissen es angeblich ganz genau: Ihr Helge „ist nicht mehr so gut wie früher“, als er noch richtig schlecht war. Vielleicht liegt das daran, daß ihn jetzt alle schon kannten, als ihn noch niemand kannte. Ein logo-statistisches Rätsel, das Kommissar Schneider auch in seinem zweiten und bereits letzten Fall nicht löst und mit ins Grab nimmt. Sobald sein Autor Helge aber so bekannt sein wird, daß ihn niemand mehr kennt, wird er auch wieder so gut werden, daß selbst Schneider-Fans schlecht wird.

Zu: Helge Schneider: Zieh dich aus, du alte Hippe, Köln 1994, in: DER RABE (Zürich) Nr. 44 (1995), S. 196:

Dieses Buch ist wirklich ganz schlecht. Freunde von Schneiders Unkunst behaupten dagegen, es sei nicht schlecht, es könne einem nur schlecht davon werden, und das sei gut. Damit geraten sie in ein Dilemma, weil sie normalerweise das Schlechtfinden gut finden. Um diese Erwartung zu erfüllen, hat sich Herr Schneider auch bei diesem Krimi bemüht, seine Sache so schlecht wie möglich zu machen, aber: es ist ihm nicht gelungen. So was passiert eben, vielleicht kann er nichts dafür. Er hat nämlich einen richtig guten Krimi geschrieben, mit allen Schikanen, vor allem aber mit Sprüchen und Floskeln, auf die jeder Pubertierende neidisch wäre. Da ist zum Beispiel „Schmalhans Küchenmeister“, er „sperrt die Lauscherchen auf“, macht „eine schnelle Mark“ oder auch „die Rechnung ohne den Wirt“. Auch Kommissar Schneider, die Hauptfigur des Krimis, scheint, wie sein Autor, in der Pubertät steckengeblieben zu sein. Nachts trägt er eine Zahnspange, und wenn nicht, kriegt er mit seiner Frau „totalen Ärger“. Das, was in dem Buch drinsteht, ist viel zu spannend, als daß es schlecht sein könnte. Also, Schneider-Freunde: Hände weg!

Zu: Ror Wolf: Ein Komplott aus Spiel, Spaß und Entsetzen, in: DER RABE (Zürich) Nr. 40 (1994), S. 235:

Wir waren schon immer dagegen, das heißt, eigentlich waren wir schon immer dagegen gewesen, jetzt waren wir uns nicht mehr so sicher, und wenn man’s genau betrachtete, gab es eigentlich keinen Grund, immer noch dagegen zu sein, und es wurde uns zusehends unverständlicher, daß und mit welcher Entschiedenheit wir einst dagegen gewesen waren; andererseits konnte man heute gar nicht mehr so recht sagen, ob unsere Ablehnung damals tatsächlich so entschieden war oder ob sie nicht doch ein Fünkchen Zweifel und damit Billigung enthielt, zu der wir uns zu dieser Zeit zwar noch nicht bekennen konnten, die aber im Verborgenen doch sicher vorhanden war und sich erst im Lauf der Zeit zu jener vorbehaltlosen Zustimmung entwickeln konnte, die wir heute auch für die Vergangenheit in Anspruch nehmen möchten, indem wir sagen, daß wir schon immer dafür waren.



Kowalski, Rubrik  „Zeichen, Zeiten, Tage & Wunder"

9/1993
Durchhalten!
Fliege! So schnell bist Du nie gereist, wie am Fenster meines Nahverkehrszugs. Achtzig Stundenkilometer schaffen Deine Saugnäpfe locker, doch da, kurz vor Bad Soden-Salmünster, der Zug verlangsamt schon, Fliege!, mach jetzt nicht schlapp!, reißt Dich der Gegenzug fort. In den Tod? Ich werde es nie erfahren.

8/1993
Schmutzige Wäsche
Neulich wurde meine Wäsche nicht ganz sauber. Um allen Witzeleien zuvorzukommen: sie war durchaus nicht (wie die einiger schreibender Kollegen) ewig getragen, und ich ha be auch nicht am Waschmittel gespart. Die seltsamen Flecken, die der Wäsche ein ungewohnt scheckiges Aussehen gaben, identifizierte eine befreundete Hausfrau als sogenannte „Seifenläuse“, eine Art von „Nestern“ von ungelöstem Schmutz, die durch zu geringe Dosierung des Waschmittels entstanden seien. Meine Beteuerung, daß ich wirklich nicht allzu umweltfreundlich dosiert hätte, wurde kaum wahrgenommen, statt dessen unbeirrt eine guute Schüppe Waschpulver mehr bzw. Ein sogenanntes Fleckensalz mit „Aktivsauerstoff“ empfohlen. Hätte ich doch lieber nicht nachgefragt, was es mit diesem „Aktivsauerstoff“ auf sich hat. Das sei, versicherte mir die erfahrene Hausfrau, doch ganz einfach Natriumperborattetrahydrat (NaBo3*4 H2O), ein weißer, vorwiegend sphärolithisch kristallisierender Feststoff mit einem theoretischen Aktivsauerstoffgehalt von ca. 10%. Beim Auflösen in Wasser werde dann natürlich das Wasserstoffperoxid H2O2 freigesetzt. Im Fleckensalz sei außerdem Natriumpercarbonat (Na2CO3*1,5H2O2), auch Natriumpercarbonat genannt. Das sei ganz einfach eine Anlagerungsverbindung von Natriumcarbonat und Wasserstoffperoxid, ein weißer, orthorhombisch oder sphärolthisch kristallisierender Feststoff mit einem theoretischen Aktivsauerstoffgehalt von – sagen wir – 15%. Damit würde meine Wäsche garantiert wieder ganz weiß werden.
Ich war geplättet.

3/1993
Kreuzworträtselwissen
Was ist ein Iler? Iller, Isar, Lech und Inn fließen rechts der Donau hin. Was aber ist ein Iler? Das weiß jeder, jeder Kreuzworträtsellöser. Deshalb weiß ich’s nicht. Interessiert mich auch überhaupt nicht. Wenn ich nämlich etwas benennen will und den Begriff nicht weiß, dann umschreibe ich’s. Wenn ich aber einen Begriff nicht kenne, der in meinem Lebenskreis auch gar nie vorkommt, weiß ich nicht, wozu ich ihn behalten sollte. Seit Emil Steinbergers klassischem Sketch weiß ich wenigstens, was ein Grautier mit vier Buchstaben ist, ein Bsgl, und daß das christliche Frühjahrsfest deswegen Oktern heißen muß. Kreuzworträtsellöser sehen das ganz anders. Die behalten den letzten Mist. Zum Beispiel wissen die, was ein Papageienvogel mit drei Buchstaben ist. Sehen Sie, Sie wissen’s auch. Sie sind auch einer von diesen Kreuzworträtselidioten. Das Leben steckt voller Geheimnisse, Rätsel und Fragen. Wozu setzen Sie Ihren Ehrgeiz darein, diesen Blödsinn herauszubekommen? Das bleibt mir ein ewiges Rätsel.
Übrigens: ein Iler ist ein Schabeisen der Kammacher.

2/1993
Der Kaputte-Butterdosen-Kalender
Spätestens jetzt, nach einem Monat, werden Sie feststellen, daß Sie Ihren Dritte-Welt-Kalender überhaupt nicht brauchen. Auch der Friedenskalender und der Bedrohte-Völker-Kalender liegen bedrohlich unbenutzt herum, ganz zu schweigen von dem langweiligen Roten Kalender gegen den grauen Alltag. In den Umwelt-Kalender und den Greenpeace-Kalender hätten Sie auch nicht viel eintragen können, die sind schon dicht bedruckt, fast so dicht, wie der Jugend-für-Natur-Kalender oder der Bäume 1993-Kalender. Für den Berühmte-Frauen-Kalender gab es sowieso nie eine Anwendung, oder wollten Sie darin etwa (peinlich genug) die Geburtstage Ihrer Freundinnen notieren? Dafür hätten Sie doch lieber den Wir-Frauen-Kalender genommen, wenn nicht gar den Freundin-Kalender oder den Brigitte-Kalender. Ganz Szene-konform hätten Sie natürlich mit dem Basta-, dem Graffiti- und dem Jonglier-Kalender dagestanden, es sei denn, Sie hätten sich bekennermäßig zum Schwule-Männer-Kalender oder zum Lesben-Taschenkalender hingezogen gefühlt. Der Nostradamus-Kalender geht leider auch nur bis zum 31.12.1993, was danach kommt, weiß keiner, auch nicht der Chinesisches-Horoskop-Kalender, der Jupiter- und der Astrologie-Kalender. Den Wendy-Kalender für Mädchen, die Pferde mögen, haben Sie natürlich genauso schon im Laden liegen lassen, wie den Motorrad-Kalender mit den etwas älteren Mädchen. Was aber wollten Sie eigenlich mit diesem Literatur-1993-Taschenkalender und dem Nautilus-literarischen-Taschenkalender? Da hätten Sie ja gleich den Elefanten-Kalender kaufen können, den Pferdekalender oder den immerwährenden Katzenkalender Auf Samtpfötchen durchs Jahr.
Als tierliebe, ja literarisch interessierte und emanzipierte Frau mit einem Hang zum Spintisieren sind Sie mit einem einzigen Kalender sowieso aufgeschmissen. Sie, als schwuler, friedensbewegter Jonglierer natürlich auch. Da können Sie gleich den Werbekalender der Bausparkasse nehmen, in die Sie seit Jahren heimlich einzahlen.
Früher gab es so was nur für Lehrerinnen und Lehrer. Was die da immer reinschrieben, war für sie selbst weniger existentiell wichtig als für uns Schüler. Noch nie habe ich einen solchen Lehrerkalender von innen gesehen, aber ich könnte drauf wetten, daß er ähnlich aufgebaut ist, wie das große Buch, das über unsere Sünden geführt wird, da oben.

1/1993
Verbale Entgleisungen
Die Bahnhofsgaststätte von Bingerbrück hat eine von Gleisen völlig umschlossene Insellage. Das aus dem schlichten Wort „trotzdem“ und dem etwas komplizierteren „nichtsdestoweniger“ gebildete Wortungetüm hält sich dort besonders lange. Zur Verdeutlichung ihrer Sprachkomik verwenden die Gäste statt Beispielen Bleistifte. Das praktische Schreibgerät entgleitet ihnen während solcherart Wortakrobatik oft als Bleifisch. Asketen werden grundsätzlich mit Azteken verwechselt, Perser, bei denen glücklicherweise nur die Wohnzimmerteppiche gemeint sind, mit Perversen. Ein Gast, der der Meinung ist, daß ihm zuviel zugemutet werde, behauptet, das sei sein Urin. Mit ähnlichen Fäkalverdrehungen drückt er seine Besorgnis aus, daß ich recht „naß um die Blase“ wirke. Als Kunsthysteriker kann ich bei diesem Nivo nicht lange mithalten, schaue auf meine bordellrote Armbandhure und flüchte mit dem 22:14er nach Oberwesel.

12/1992
Reichsbahnfenster
Übers Bahnfahren muß man jede Menge schauerliche Dinge berichten, am besten auch veröffentlichen, in Kolumnen wie dieser. Nur dadurch sichern wir Bahnfahrer uns die fürs Selbstwertgefühl so dringend notwendige Exklusivität. Zum Beispiel folgendes: Die „DDR“ ist deswegen noch im Nachhinein zu verurteilen, weil diese Scheiß-Zugfenster in den Reichsbahnwaggons nach zehn Minuten Fahrt immer von selbst herunterfallen.

10/1992
Simulation
Endlich weiß ich, was die postmodernen französischen Filosofen mit dem Begriff „Simulation“ meinen: Geislingen. Die Wirklichkeit besteht aus Vorgetäuschtem: Geislingen. Das Modell ist die Realität: Geislingen. Nach dem Modell der Märklin-Eisenbahn, die angeblich hier erfunden wurde, entstand die Stadt im Maßstab 87:1. Eine vollständig von Schienen umschlossene Idylle, Die Bevölkerung versucht, so gut es geht, mitzuspielen und vermischt dabei souverän verschiedene Simulationsebenen. So rückt der Cowboy von Geislingen beim Verlassen des Gasthauses seine Lederjacke um die Schultern zurecht, steckt beide Hände in die Hosentaschen und stürzt sich in die montagabendlich menschenleere Fußgängerzone mit der Bemerkung, er sei „emol wieda underwägs“.

8/1992
Juso’s
Alle’s was recht ist, aber bei der Politik hört der Spaß auf. Die Jugendorganisation der Sozialdemokratie gibt auf den Kacheln des Bahnhofs Aachen-Rothe Erde die Parole aus: Keine Lohnopfer, Juso’s. Na denn schö, wa’s.

7/1992
Kopflastige Schwestern
KOWALSKI-Hefte werden nie im Zug vergessen. Dafür aber besonders oft Werbeschriften der Bücherbranche. Im Netz vor meinem Platz steckten jetzt zwei Hefte, deren Titelbilder sich so verblüffend ähnlich sahen, daß ich zunächst glaubte, es sei jeweils eine von zwei Schwestern abgebildet, die auf dieselbe Schauspielschule gegangen sind. Von beiden wurde aber behauptet, es handele sich um Elke Heidenreich. Dann merkte ich allerdings, daß es zwei ganz unterschiedliche Frauen waren, die nicht einmal einer Familie entstammen konnten. Die eine nämlich stützte ihren Kopf zweifach ab, mit Faust und Handfläche, innen war sogar ein Foto abgebildet, auf dem zu sehen war, wie er ihr ganz heruntersank und auf den überdimensionierten Handgelenken lag. Die andere drückte dagegen mit ihrer Hand auf den Kopf und fing die so entstehenden Kräfte ausschließlich mit ihrer starken Halsmuskulatur auf. Diesen Unterschied merkte man auch beim Lesen der jeweiligen Artikel. Die eine war durch den Anblick eines weißen Blattes schon so deprimiert, daß sie nicht mehr wußte, wohin mit ihren Gefühlen, die andere war tatsächlich halsstarrig: „Warum gehe ich immer und immer wieder aus dem Haus, wo ich doch weiß, was mich da erwartet.“
Aber diese Ähnlichkeit ...

5/1992
Handgepäck
Es gibt ein scheint’s ehernes Gesetz des Reisegepäcks: Je schwächer eine Frau ist und je alleinreisender, desto schwerer, zahl- und umfangreicher ist ihr Gepäck. Mit berechnendem Hilflosigkeitslächeln werden die umsitzenden Männer so lange traktiert, bis ihre Kavaliersreaktion erfolgt. Dieses Verhalten legen nicht nur arrogante Luxusweibchen an den Tag, sondern auch in Demut geübte Ordensschwestern. Im Gegensatz zum Bild, das sie von sich zu vermitteln versuchen, sie seien nicht weltfremd und lebten durchaus im Einklang mit der modernen Welt, wurde ich heute wieder Zeuge einer Szene, die alle meine Vorstellungen bekräftigte: Zwei Ordensschwestern im Euro-City „Paganini“ schafften es, obwohl nicht gerade klein gewachsen, auch mit vereinten Anstrengungen nicht, einen mittelschweren Koffer ins Gepäcknetz zu hieven, was ein junger Mann daraufhin freundlich lächelnd mit einer Hand erledigte.
Die Moral von der Geschicht’ weiß ich nicht.

3/1992
Nahverkehrsrausch
Entspannen während der Fahrt! So etwas kann auch nur Werbetextern einfallen. In Wirklichkeit besteht der Genuß einer Bahnfahrt ja gerade im Rausch der Geschwindigkeit, im Auskosten angestauter Aggressionen.
Ich zum Beispiel: In Mainz rein in die Schleuder und dann volle Pulle nach Oberwesel. Gerade abgefahren, wir rechts ran und den D-Zug überholen lassen. Kaum ist der vorbei, wir sofort wieder auf die Strecke und nichts wie hinterher, erst aber einmal bis Heidesheim. Nach kurzem Zwischenstopp sofort wieder alle Stromkreise geschlossen und ab durch die Nacht nach Ingelheim. Kurz den Lufthansa-Express überholen lassen und schon rasen wir hinterher nach Gau Algesheim. Keine fünf Minuten stehen wir (Zigarettenpause), schon heißt’s weiter durch die Nacht nach Bingen. Derweil rauscht Dunkelheit an uns vorüber, und der Hauch des Nichts spiegelt sich im Rhein. Bingerbrück ist kurz danach erreicht. Klar, daß wir nur an Werktagen außer Samstag weiter als Bingerbrück fahren. Wer will schon am Wochenende über Bingerbrück hinaus? Jetzt ist aber Mittwoch, und nachdem uns zwischenzeitlich zwei Güterzüge überholt haben, geht’s schon wieder weiter. Halt, vorher noch ein Güterzug, jetzt aber nichts wie los! In Trechtingshausen kann bei der rasanten Fahrt natürlich nicht gehalten werden, dafür aber in Niederheimbach und Bacharach, und schwupp sind, wie im Flug, die paar Kilometerchen seit Mainz verflogen und Oberwesel ist erreicht.

1/1992
Pilschen
Manchmal macht sich eine lustige Antwort gleich bezahlt. Als neulich ein Gast im Koblenzer Bahnhofsrestaurant seine beiden „Pilschen“ bezahlen wollte, forderte ihn die Bedienung auf: „Fünf Märkchen bekomme ich dann bitte!“ Der Gast hatte die gute Laune der Kellnerin sofort bemerkt und konterte: „Wer gleich bezahlt, bekommt Rabatt.“ Da staunte die junge Frau nicht schlecht und kassierte schnell ab.

11/1991
Ingelheim
Nicht nur in ICE-Zügen, ein besonders beliebtes Thema derzeitiger Feuilleton-Schreiber, nein, auch im öffentlichen Nahverkehr spielen sich Szenen ab, die einem größeren Publikum nicht vorenthalten werden dürfen. Im Nahverkehrszug von Mainz nach Oberwesel boxt mich mein Banknachbar vor den Oberarm: „Wissen Se, wer hier jebohrn ist, hier in Ingelheim?“ – „Nö.“ – „Na, raten Se mal!“ – „Komm’ ich nicht drauf.“ – „Strengen Se sich mal en bisken an.“ – „Na gut: Sie?“ – „Nein.“ – „Ihr Schwager?“ –„Nein!“ – „Helmut Kohl?“ – „Ach was, Karl der Große ist hier jebohrn, ha ha. Frag’ ich immer, wenn wir hier vorbeikommen, heute sind Sie dran. Da staunen Sie, was?“
In Aachen habe ich mir übrigens sagen lassen: Das stimmt gar nicht!
 


Sueddeutsche Zeitung - Magazin

21.8.1992, S. 8.
Nix geseh'n
Präzise Schilderung eines unaufgeklärten Kriminalfalls im Schleusenbereich der Erprather Mühlen bei Neuss, hier übertragen ins Hochdeutsche:
Und dann hab' ich noch geseh'n, wie da einer am Kurbeln ist. Hat der das Auto da durchgelassen. Und am anderen Tag steht das in der Zeitung drin. Und wie ich das so erzähl', da sagen sie doch, ich hätt' da was geseh'n, dabei hab' ich ja nix geseh'n. Un' hier hab' ich gestanden, da war der Mann mit der Kurbel. Da läßt der das Auto da durch! Ich hab' zwar nicht geseh'n, wie das Auto da durchkam, das hab' ich nicht geseh'n, aber irgendwas stimmt da nicht. Das Wasser müßt' so laufen, verstehst'e, so müßt' das laufen. Erster Mai vor'n paar Jahren war das. Aber ich hab' da nix geseh'n, aber wenn du mich fragst (im Original rheinischer Konjunktiv: "fröös"), das Auto ging von selbst nicht da durch. Ich war nämlich genau dieselbe Uhrzeit da, weißt'e. Hier geht in Weg vorbei. Ist der da reingefahr'n. Gewunken hab' ich natürlich, aber zu spät. Nä ...

8.5.1992, S. 8.
Rüsselsburg
Ohne, daß ich danach gefragt hätte, erfuhr ich heute auf der Eisenbahnbrücke zwischen Mainz-Gustavsburg und Mainz-Süd, daß wir gerade die ehemalige Sektoren- und jetzige Landesgrenze überführen, hier Hessen, da Rheinland-Pfalz, daß trotzdem aber, davon lasse sich der echte Mainzer nicht abbringen, beidseits des Rheins Mainz sei und immer bleiben werde, selbst wenn das Auto in Rüsselsheim anzumelden sei und die Nummer GG erhalte, was allerdings nicht für Ginsheim-Gustavsburg stehe, den jetzigen Ortsnamen, sondern für Groß-Gerau, die Kreisstadt, die zum Regierungsbezirk Darmstadt gehöre. Wenigstens die Mainz-Kasteller Telefonvorwahl habe man den Gustavsburgern gelassen. Mit der stünden sie aber jetzt im Rüsselsheimer Telephonbuch unter Ginsheim-Gustavsburg, müßten das Telephon aber in Wiesbaden anmelden, obwohl die Leitung von Mainz herüberkomme, wie übrigens auch das Gas. Einzig die Bundesbahn nenne ihren Bahnhof weiterhin ohne Kompromisse Mainz-Gustavsburg. Reisen bildet.

 

28.3.1991
Schnellschreibmethode
Er soll, berichtet Robert K. Merton, bei alldem, was er
schrieb, eine besondere Technik entwickelt haben, die so
einfach gewesen sein muß, daß es seine Kollegen und Neider
das Staunen lehrte, weil bereits wenige Wochen nachdem seine
erste Abhandlung veröffentlicht war, die nächste folgte, kein
Wort und keine Seite dünner und von ebensolcher Prägnanz, daß
jeder andere Monate, wenn nicht Jahre dazu gebraucht hätte, um
Zeile für Zeile zu füllen. Sein Geheimnis soll Thomas Fuller
auf Drängen seiner Freunde aber in kleinster abendlicher Runde
ein oder zwei Tage vor seinem Tod zugegeben haben auf einem
Blatt, auf dem er in einer bestimmten Weise Wörter anordnete
und das er ihnen vorlegte mit der süffisanten Bemerkung, er
füllte ihnen lieber noch einmal ihre Gläser vor der Lösung,
hernach würde ihnen keine Ruhe mehr bleiben, bis auch sie
den Versuch selbst unternommen hätten, die Methode, die im
übrigen in der Poesie schon seit langem einen breiten
Raum einnehme, auch auf ihre Wissenschaft anzuwenden, um so
aus schönen Worten exakte Aussagen entstehen zu lassen.

27.6.1990
Deutscher Inzest
Der Kanzler wollte unbedingt auch in den Club der deutschen Eisenbahnfreunde aufgenommen werden und gab deswegen durch: „Wenn wir es jetzt nicht packen, auf den Zug zur Einheit aufzuspringen, wird es lange dauern, bis der Zug wieder durch den Bahnhof rollt.“ Da kommt sein Herausforderer Lafontaine einfach nicht mit, zumal ihm die Braunschweiger Zeitung seine „doppelgleisige Deutschlandpolitik“ vorwirft. Eine verfahrene Situation. Zumindest einem Politiker, dem derzeitigen FDP-Vorsitzenden, ist dieses ganze Herumfahren in deutschen Zügen aber zu unbequem geworden, so dass er zusammen mit der DDR lieber in den ruhigen Hafen der Ehe einfahren möchte. Die Braut (DDR) soll heimgeführt werden. Auch sei er gerne bereit, dieser Braut ihre Mitgift vor der Hochzeit zu geben. Eigentlich ist es ja so, dass die Braut von ihrem Elternhaus eine Mitgift bekommt, aber um die Mitgift der DDR machen sich Umweltschützer so viele Sorgen, dass sie lieber darauf verzichten. Die Braut habe aber, so fährt der FDP-Vorsitzende in seinem Antrag fort, „ein Recht darauf, auch vor der Hochzeit den Hochzeitstermin zu erfahren und ein Jawort zu bekommen“. Wann und wie die beiden sich nun schließlich trauen, ist kaum noch wichtig, zumal die Braut ihr Jawort auch ungefragt skandiert. Früher oder später musste es herauskommen: Die deutsche Vereinigung ist in erster Linie eine geschlechtliche. Sie hat allerdings keine geringen moralischen Tücken. Was gestern noch Brüder und Schwestern waren, soll heute ehelichen. Ganz offensichtlich wird der inzestuöse Charakter der Vereinigung durch die Existenz der jeweiligen Schwesterparteien in beiden deutschen Staaten. Die sozialistischen Bruderländer verleugnend, ja, sich ihrer schämend, verlässt die Braut ihre Familie. Wo die beiden wohnen wollen, ist schon klar: Im europäischen Haus natürlich. Herrliche Metapher!
Deutscher_Inzest.pdf

1.6.1990
Deutschland für Abfahrer
Udo Lindenberg, der abgefahrenste aller Politschaffner, hatte lautstark und letztlich erfolgreich nach dem Abfahrtstermin gefragt und war als einziger pünktlich da. Alle anderen hatten das Nachsehen und Günter Grass, der es offensichtlich nicht wahrhaben wollte, musste sich am 14. Februar mehrfach sagen lassen, „Günter, ich sage ihnen, der Zug zur deutschen Einheit ist abgefahren.“ Augstein selbst sagte das, und nicht nur einmal, unter anderem auch jovial: „Günter, der Zug ist doch schon abgefahren“, sowie in den Variationen „Der Zug ist sowieso schon abgefahren“ und „Der Zug ist schon längst abgefahren“. Immerhin versuchte der Gesprächsleiter in dieser Sternstunde der deutschen Fernsehdiskussion auch auf die Argumente von Grass einzugehen, während Augstein wie ein ungezogenes Kind dazwischenplärrte „Sie wissen doch auch, dass der Zug …“. Klaus-Peter Siegloch, Meteorologe des ZDF-Politbarometers, erwies sich danach, am 19. Februar, ebenfalls als echter Eisenbahnfreund: „Der Zug zur deutschen Einheit, er ist abgefahren.“ So leitete er die demagogischdemoskopischen Umfrageergebnisse für Trittbrettfahrer ein. Erst später wurde mir klar, warum Augstein und seine Nachredner so resigniert auf ihrer Aussage beharrten: Bereits am 10. Dezember hatte Peter Sloterdijk in den Münchener Kammerspielen die Metapher von der Nation und dem fahrenden Zug zu einem Hochgeschwindigkeitszug beschleunigt, „der in eine Gegend rast, von der niemand weiß, ob es dort überhaupt Schienen gibt“, im Zug eine Reisegesellschaft mit der zunehmenden Befürchtung, „dass schon seit längerem niemand mehr in der Lokomotive ist.“ Was aber bei einer katastrophalen, die Bahn schändlich vernachlässigenden Verkehrspolitik keiner vermutet hätte: Auch die Politiker sind echte Bahn-Freaks! Willy Brandt variierte am 24. Februar, kaum zum Ehrenvorsitzenden der DDR-SPD ernannt: „Der Zug zur Einheit rollt, jetzt kommt es darauf an, dass niemand unter die Räder kommt. Das ist wichtiger, als dass jemand erster Klasse fährt.“ „Der Zug des Herzens“, so wusste es schon Schiller und schrieb’s in seinen Piccolomini-Roman, „ist Schicksals Stimme“. Wer hier vergebens einen inhaltlichen Anschluss sucht, dem sei auch noch „Der Zug nach Westen“ aufgegeben, mit dem Paul Lindau 1886 einen Berliner Romanzyklus beginnen ließ. Für Politiker und Publizisten unter Zugzwang fällt hier zumindest das Ankuppeln leichter. Soll ich noch auf weitere Beförderungs-Wortspiele warten, oder verpasse ich derweil den Anschluss? Lieber schlage ich selbst einige Varianten vor, die ich hier unter Vorbehalt sämtlicher Urheberrechte veröffentliche: „Die Damen und Herren von der Opposition sehen wieder nur die Schlusslichter.“ „Kein Zug ist so voll, dass nicht noch einer mitfahren könnte.“ „Die Signale stehen auf grün, jetzt kommt es darauf an, die Koffer zu packen.“ „Der Zug zur Einheit rollt, doch wer stellt die Signale?“ „Wir lassen uns nicht aufs Abstellgleis der Geschichte schieben!“ „Hier hilft kein Schmalspurdenken.“ „Wir können die Deutsche Frage nicht eingleisig behandeln.“ „Regierung in den letzten Zügen.“ „Die Hilfsbremser der Opposition haben den Fahrplan verloren.“ „Gerät die deutsche Einigung aus den Gleisen?“
Deutschland_fuer_Abfahrer.pdf


Trans Atlantik

Dezember 1990, S. 12.
Kettenhosen
Kettenbriefe werfe ich prinzipiell weg. Meistens bekomme ich solche Briefe, in denen ich auf kaum noch lesbaren Kopien dazu aufgefordert werde, irgendwohin zwanzig Mark zu schicken, von Bekannten zweiten bis dritten Grades. Was mache ich aber, wenn mich eine sehr gute Bekannte dazu auffordert, an einer Aktion teilzunehmen, die geradezu eine Ironisierung, eine Verballhornung des gesamten Kettenbriefsystems darstelle und außerdem wahnsinnig lustig sei? Jeder schicke einer im unbekannten Person des jeweils anderen Geschlechts, ausgewählt aus einer Sechserliste, eine Unterhose seiner Wahl sowie eine Kopie ebendieser Liste. Daraufhin erhält man selbst (wenn alles klappt!) bis zu sechsunddreißig wunderschöner, jeweils von anderen Personen gekaufte Unterhosen. Ein echter Spaß!
Die Vorstellung einer solchen Vielfalt verwirrt mich zunächst, zumal ich mir bisher über dieses verborgene Feld menschlicher Bezugsmöglichkeiten nichts als blütenweiße Gedanken gemacht habe. Wenn hier kein mathematischer Fehler vorliegt, so grüble ich, dann zumindest ein psychologischer oder gar ein teleologischer. In diesem Fall jedoch wird der Zweck der Unternehmung, das scheinbar zufällige Zusammentreffen unterschiedlichster Unterhosenformen und -farben und der daraus abgeleitete Genuß zu einem rein ästhetischen Problem, das von keinem anderen so präzise umschrieben wird wie von Immanuel Kant, der in seiner Kritik der ästhetischen Urteilskraft (§ 17) so trefflich, alle Möglichkeiten dieser Form der Kommunikation auslotend, bemerkt: "Es ist anzumerken: daß, auf eine uns gänzlich unbegreifliche Art, die Einbildungskraft nicht allein die Zeichen für Begriffe gelegentlich , selbst von langer Zeit her, zurückzurufen; sondern aud das Bild und die Gestalt des Gegenstandes aus einer unaussprechlichen Zahl von Gegenständen verschiedener Arten, oder auch einer und derselben Art, zu reproduzieren; ja auch, wenn das Gemüt es auf Vergleichungen anlegt, allem Vermuten nach wirklich, wenn gleich nicht hinreichend zum Bewußtsein, ein Bild gleichsam auf das andere fallen zu lassen, und, durch die Kongruenz der mehrern von derselben Art, ein Mittleres herauszubekommen wisse, welches allen zum gemeinschaftlichen Maße dient."

August 1990, S. 11.
Ladendiebstahl lohnt sich nicht
Wie waren wir jetzt auf dieses Thema gekommen? Ach ja, durch meinen feige abgebrochenen Versuch, bei einer Autorenlesung ein mir zu teuer, gleichwohl besitzenswert erscheinendes Buch einfach zu klauen. Den Versuch mußte ich, obwohl ich ihn, so funktionierte meine moralische Rechtfertigung, in einer relativ großen Buchhandlung unternommen hatte, deswegen abbrechen, weil mich eine Angestellte dieser Buchhandlung intensiv im Auge hielt. Ich ging dann ganz demonstrativ zur Kasse und bat, das Buch bezahlen zu dürfen. Anstatt mich nun wegen meiner verwerflichen Moral zu schelten, ob es sich nun um eine große oder eine kleine Buchhandlung handele, klauen sei eben klauen und wo man denn da die Grenze ziehen wolle, anstatt meinen Maximen also neuen Halt zu verleihen, fing die Freundin, der ich dies erzählte, ihrerseits an, mir eine ähnliche Geschichte zu erzählen. Sie hatte aber nicht nur keinen Erfolg, sondern obendrein auch noch die Blamage gehabt, als sie ein Döschen Schönheits-Spezial-Dragees, ein Präparat, dessen sie eigentlich nicht bedurft hätte, in einer Zeitung verschwinden ließ, um es so aus dem Kaufhaus zu schmuggeln. Die ganze Zeit habe sie schon den Eindruck gehabt, daß der Mann, der weitgehend unmotiviert in einem Berg Zahnbürsten wühlte, als suche er eine ganz bestimmte Farbe, eigentlich als Hausdetektiv tätig sei, dennoch habe sie dem inneren Drang, die Spezial-Dragees ohne zu zahlen mitzunehmen, nicht widerstehen können. Die anschließende Szene sei so peinlich gewesen, daß sie es bis heute, und seitdem seien immerhin mehr als zehn Jahre vergangen, nicht gewagt habe, sie irgendjemandem zu erzählen. Ganz anders die Erfolgsmeldung einer anderen Freundin, die sie mir unabhängig von dieser Geschichte am selben Tag machte. Dieses schöne schwarze Unterhemd, sie zog die Bluse am Hals ein bißchen herunter, habe sie heute morgen in einem Bekleidungshaus auf höchst raffinierte Weise "mitgehen lassen". Die "höchst raffinierte" Methode - vier Hemden mit in die Umkleidekabine nehmen, eins anziehen, Bügel verstecken, drei wieder aufhängen - ganz abgesehen vom besonderen Raffinement - Etikett mit möglicherweise eingearbeitetem Magnetstreifen unter einem Berg Socken vergraben - wage ich nur in Stichworten wiederzugeben, um möglichen Nachfolgetätern keinen Anreiz zu geben.